Konduktive Förderung

nach Petö

Begriffsbestimmung

Der Begriff „Konduktion“ sowie das darauf aufbauende Konduktive Förderungssystem wurde von dem ungarischen Arzt und Bewegungspädagogen Prof. Dr. András Petö in den 40er- und 50er- Jahren des 20. Jahrhunderts vorwiegend für junge Menschen mit cerebral bedingten Bewegungsstörungen entwickelt.


„Konduktiv“ ist vom lateinischen „conducere“ abgeleitet und bedeutet in komplexem und dynamischem Sinne „zusammen-/hinführend, weiterführend und nützlich“.


Die (Selbst-)Wahrnehmung sowie verfügbare und aktivierbare Fähigkeiten in allen Entwicklungsbereichen der Persönlichkeit eines Menschen werden in einem komplexen Lernprozess im Rahmen der Gruppe nutzbringend zusammengeführt.

Durch systematische, zielgerichtete und kontinuierliche Weiterführung der Lernprozesse wird psycho-physische Aktivität gesichert und zunehmende Selbststeuerung gefördert.


Jede Aufgabe in einer Konduktiven Lerneinheit dient letztlich der Weiterentwicklung lebenspraktischer Kompetenzen. Einen unmittelbaren spürbaren Nutzen hat der direkte Alltagsbezug Konduktiver Förderung: alle Aktivitäten des täglichen Lebens sind in den Förderprozess integriert.


Zielsetzung:

András Petö nannte als Ziel Konduktiver Förderung die Orthofunktion des Individuums. Das heisst, die Automatisierung funktionaler Bewegungen und gleichzeitig das Erreichen der maximalen Unabhängigkeit von Hilfsmitteln und/oder fremden Personen, abhängig von der Schwere der Behinderung. Dies bedeutet, dass der behinderte Mensch aktiv an seinem Umfeld teilnehmen können soll, sei es im schulischen, beruflichen oder familiären Umfeld.


Zielgruppen

Konduktive Förderung ist in allen Altersstufen erfolgreich anwendbar bei Menschen mit Syndromen wie:


• Zustände nach Schädel-Hirntraumen, erworbene Hirnfunktionsstörungen wie Zustände nach Apoplexie, Ertrinkungsunfall, Intoxikation oder Tumoroperation

• Zustände nach Enzephalitis bzw. Meningitis mit Residualsyndrom


• verschiedene Formen der Infantilen Cerebralparese (IZP)

• Mehrfachbehinderungen


• Spina Bifida

• Wahrnehmungsstörungen


• Apraxie

• Muskelhypotonie-Syndrom


• Ataxie

• Parkinson


• Multiple Sklerose


Methodik

Die Konduktive Förderung umfasst alle mentalen, verbalen, manuellen und materiellen Hilfen und Hilfsmittel, die es dem Betroffenen ermöglichen, Eigeninitiative und zielgerichtete Aktivität zu entwickeln. Dabei ist selbstverständlich zu sichern, dass der Betroffene seine Eigenleistung spürt und dass die Aktion zum Erfolg führt. Methodisch-didaktische Mittel Konduktiver Förderung sind:

  • die konduktive Gruppe als Hilfe zum Aufbau eines adäquaten Lernverhaltens, als Raum für Identitätserfahrung und sozialer Aktivität mit motivierender und integrierender Wirkung.
  • der organisierte, gleich bleibend wiederholbare Tagesablauf mit gleichermaßen motorischen, kognitiv-sprachlichen und kreativen sowie auf das Erlernen von lebenspraktischen Fertigkeiten ausgerichteten, die gesamte Persönlichkeit aktivierenden Schwerpunktprogrammen.

  • die Person der Konduktorin, die eine positive Lernathmosphäre und Arbeitsweise und ein positives Arbeitstempo gestaltet, die die Aufmerksamkeit der Teilnehmerinnen fokussiert und die jeweiligen Aufgaben im Wortsinn „vorbildlich“ anleitet und der Gesamtentwicklung jedes Einzelnen sowie der Gruppe als Ganzem zieldienliche Aufgaben und Lerneinheiten erstellt bzw. deren erfolgreiche Umsetzung im Tagesablauf organisiert.
  • das rythmisch kontinuierliche Intendieren, das zugleich Zielsetzung, Handlungsanleitung, soziale Einbindung und Selbststeuerung über den rhythmisierenden, Aufmerksamkeit fokussierenden Einsatz von Sprache ermöglicht – u.a. in Form autosuggestiver Bewegungsformeln.

  • einfache, multifunktional verwendbare und ein Höchstmaß an Selbständigkeit ermöglichende Hilfsmittel, insbesondere zum Greifen, Halten und sich Fixieren.

Grundlagen

András Petö ging davon aus, dass die Plastizität des Gehirns eine Kompensation der bestehenden Hirnschädigung ermöglicht: in einem intensiven, ganzheitlichen Lern- und Entwicklungsprozess können neue neuronale Verbindungen entstehen. Um effektives Lernen zu sichern, werden komplexe Handlungsabläufe in einzelne Aufgaben gegliedert und gleichbleibend zu wiederholende konduktive Aufgabenreihen entwickelt. Die Motivation bzw. das zielgerichtete Interesse des Lernenden und eine positive Lernathomosphäre, d.h. eine respektvoll annehmende Haltung und eine konsequent kompetenz- sowie zielorientierten Sichtweise, erkannte er als elementare Voraussetzungen für die Gestaltung optimaler Lernbedingungen.


Im Mittelpunkt der Konduktiven Förderung steht die Gesamtpersönlichkeit des betroffenen Menschen: der Mensch lernt, nicht der gelähmte Muskel. Dieses Verständnis von Lernen als komplexem, die gesamte Persönlichkeit erfassenden Prozess, gilt gleichermaßen für Menschen aller Altersgruppen mit sensorischen, motorischen oder Mehrfachbehinderungen. Die Bedeutung von positiver Gestimmtheit, gezieltem Interesse, multisensorieller Aufmerksamkeit und Konzentration, von bewusster Handlungsplanung und – vorstellung sowie sprachlicher Begleitung für den Lernprozess und für die Gedächtnisbildung hat András Petö erkannt und berücksichtigt. Er war damit seiner Zeit weit voraus. Viele einer Annahmen wurden erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten wissenschaftlich belegt.


Mit einfachen Mitteln unterstützt die Konduktive Förderung Menschen mit Beeinträchtigungen, eine von Assistenz und Hilfsmitteln möglichst unabhängige und selbstständige Lebensweise zu erreichen, und begleitet sie in jeder Lebensphase. Konduktive Förderung kann und wird mit unterschiedlicher Intensität oder in vielfältigen Angebotsformen überall dort realisiert, wo Menschen mit Behinderung leben, behandelt und gefördert werden oder arbeiten: in Familie, in Einrichtungen der ambulanten oder stationären Rehabilitation, in Frühförderung, Kindergarten oder Schule, berufsbildenden Einrichtungen, am Arbeitsplatz, in Wohn-, Pflege- und Freizeiteinrichtungen oder in Krankenhäusern.

Sensorische, motorische, interaktive, kognitiv-sprachliche, emotional-soziale und musische-kreative Kompetenzen und insbesondere lebenspraktische Fertigkeiten werden nicht isoliert und additiv, sondern in (entwicklungs-)/altersgerecht gestalteten und mehrfachtherapeutisch fundierten, komplexen Einheiten gleichzeitig gefördert. Die Ziele motorischen Lernens sind in der Konduktiven Förderung unmittelbar aus den drei Hauptmerkmalen menschlicher Bewegung abgeleitet:

 

  • aufrechte Position
  • Einsatz der Füße/Beine zur Gewichtsübernahme und Fortbewegung
  • Einsatz der Hände/Arme zum Fixieren, Tasten und Manipulieren.

 

Bewegungslernen, insbesondere der Aufrichtevorgang, muss und soll nicht zwangsläufig der normalen motorischen Entwicklung folgen. Das heißt: die Steh- und Gehbereitschaft wird – ggf. gewichtsentlastet – von Anfang an erhalten bzw. auf- und ausgebaut.

 

Konduktive Förderung verwirklicht die Einheit aus Therapie (ggf. auch Pflege), Pädagogik und Bildung.

 

(zusammengefaßt aus: “Konduktive Förderung“, Integration Konduktiver Förderung in das Rehabilitaions- und Bildungssystem für Menschen mit Behinderung in Deutschland, Fachausschuss Konduktive Förderung, Hrsg.)



Wichtig sei hier zu nennen, dass Peter von Quadt, selbst Vater eines Sohnes mit cerebraler Schädigung, die Konduktive Förderung nach Petö 1994 in Form von Förderblöcken nach Deutschland holte. Hierzu gründete er den ersten Förderverein „FortSchritt e.V.“ in Bayern.

Durch sein großes Engagement verbreitete sich die Konduktive Förderung in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Seit 1995 wird die Konduktive Förderung nach Petö in Bayern staatlich gefördert.



Es wurden Kindertagesstätten und Außenklassen an Schulen eröffnet und in Kooperation mit dem kroatischen Gesundheitsministerium ein Konduktives Sommercamp gemeinsam mit kroatischen Jugendlichen veranstaltet. 2006 wurde Peter von Quadt aufgrund seines großes Engagements um Petö das Bundesverdienstkreuz verliehen. Eine staatliche Anerkennung der Konduktiven Förderung nach Petö in den restlichen Bundesländern konnte bisher nicht erzielt werden.